BG Kritik:

Baby Driver


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

Baby Driver (US 2017)
Regisseur: Edgar Wright
Cast: Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, Jon Hamm, Jamie Foxx, Eiza González, Jon Bernthal

Story: Baby (Ansel Elgort) hat einen Tinnitus und hört zwecks Übertönung immer und überall Musik. Zudem ist er der beste Fluchtwagenfahrer von Gangsterboss Doc (Kevin Spacey), und dann verliebt er sich in die Kellnerin Deborah (Lily James), und will aussteigen.

Der neue Wright!

Edgar Wright hätte gern einen zweiten Teil


Vier Jahre ist es her, seit der ungemein talentierte Edgar Wright (u.a. Shaun of the Dead, Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt) einen Film in den Kinos hatte. Dieser hieß The World’s End, und war der Abschluss seiner gerne als Three Flavours Cornetto-Trilogy bezeichneten Filmserie mit Simon Pegg und Nick Frost. Probleme innerhalb des Studio-Systems in Marvels Kinouniversum und sein Abgang beim von ihm jahrelang geplanten Ant-Man sei es gedankt. Nun ist er zurück, und hat laut einer ungeheuren Vielzahl an Kritiker-Stimmen ein Meisterwerk und nichts anderes auf die Playlist des Kinosommers 2017 gesetzt. Meisterwerk. Ein Wort um das man dieser Tage im Zuge der ersten Kritiker-Stimmen zum neuen Werk von Regisseur und Drehbuchautor Edgar Wright offenbar unmöglich herum zu kommen scheint. Und auch in dieser Kritik zum aktuellen Werk bekommt das Wort seine Platz. Nur etwas anders, als im Gros des Kritiker-Echos zum Baby Driver. Doch dazu später. Aufgezogen wie ein 70er Jahre Heist-Thriller aber in heutiger Zeit verortet, nennt Wright seinen Heist-Thriller ein Car-Chase-Jukebox-Filmmusical, inspiriert von u.a. Bullitt, dem originalen The Italian Job, Fluchtpunkt San Francisco und Kesse Mary – Irrer Larry. Also vertrauten Inspirationsquellen, denen sich schon Tarantino mit Death Proof widmete. Ein Car-Chase-Jukebox-Filmmusical? Musical, wie in Musical? Ja, genau so wie in Musical und hier liegt auch der Kniff des Filmes, denn der Soundtrack ist hier nicht nur die übliche im Hintergrund für die richtige Stimmung sorgende Unterlegung der Szenen. Nein, die Musik ist hier Teil der Szenen und gar der Handlung, da nahezu ununterbrochen aus Babys diversen Abspielgeräten schallend und den Drive und Rhythmus der darauffolgenden Szene vorgeben. Und ja, Baby singt manchmal auch mit. So fürs vollständige Car-Chase-Jukebox-Filmmusical.

So startet der Baby Driver direkt mit einer Überfall-Szene, wobei sich Wright bei diesem ersten Überfall noch kaum eine Sekunde für die Action innerhalb des beraubten Objekts interessiert. Stattdessen verbleibt die Kamera und damit das Publikum beim Baby Driver und seiner Musik, zu der er perfekt im Takt auf Lenkrad und Fahrertür mit trommelt, um danach dem Takt folgend, durch die Gänge zu schalten und durch die Kurven zu gleiten. Ja, sogar der Scheibenwischer wischt hier kurz vor dem Beginn der Flucht vor den Cops im Takt mit. Schiere Perfektion, die einer intensiven Vorbereitungs- und Planungsphase entstammt. Die Action ist dabei handgemacht und steckt voller Liebe zu Detail, ist rasant und voller Dynamik. Toll gemacht und dabei echt. Denn hier wird nicht via CGI "geschummelt" wie in den Fast & Furious-Filmen. Computeranimierte Autos gibt es hier nicht. Dafür echte Fahrzeuge auf echten Straßen, gefahren von echten Menschen, den Gesetzen der Physik gehorchend. Choreografiert auf die Musik von Baby, lässt Wright hier den roten Subaru Impreza über Atlantas Interstate 85 driften und natürlich entkommen. Und nicht nur die Action-Szenen sind derartig ausgefeilt und durchchoreographiert, denn kurz darauf lässt Wright sein Baby zu Harlem Shuffle von Bob & Earl mal eben zum Kaffeehaus um die Ecke schlendern. Und was für andere Regisseure gar keine Szene wert, oder lediglich ein Filler wäre, macht Wright (wie so oft bei ihm) zu einem Hingucker, denn es geht exakt auf die Songlänge angepasst hin, und wieder zurück in einem via Steadicam eingefangenen One Shot. Vorbei an Passanten, schlendert und tanzt(!) Baby beim überqueren der Straße zwischen fahrenden Autos hin und her, um beschwingt vier schwarze Kaffee bei seinem Boss abzuliefern. Und ähnlich und völlig durchgeplant und abgestimmt geht das weiter, und der immerhin satte 30 Songs umfassende Soundtrack - u.a. Easy von The Commodores, Brighton Rock von Queen, und Tequilla von The Button Down Brass, sowie allerhand Songs mit Baby oder Debora (in unterschiedlicher Schreibweise) im Titel – passt immer wie die Faust aufs Auge oder das Zahnrad ins Getriebe des aktuellen Fluchtwagens.

oder auch einen dritten?


Dabei immer mal wieder kurz brutal hart und bisschen blutig, eben gewürzt mit den für Wright typischen Gewaltspitzen. Was der Film dabei hat, ist ein deutlich reduziertem Comedy-Anteil, so im Vergleich mit Wrights bisherigem Wirken. Auch hat er nicht diese geeky Nerdiness, welche Edgar Wrights komplettes bisheriges Schaffen durchzieht, und so sehenswert und zum wiedersehen und zitieren einladend macht. Was prinzipiell ja völlig legitim wäre, so für einen anderen Tonfall und die Weiterentwicklung des eigenen Spektrums. Nur gelingt es Wright hier nicht, Ersatz dafür zu finden und z.B. durchgehend die Spannung aufrecht zu erhalten. Denn Baby Driver ist bei all der inszenatorischen Raffinesse und Perfektion, von der Handlung völlig überraschungsarm, beliebig, ja, oft schlicht langweilig. Wodurch sich die Fahrt mit dem Baby Driver durchaus länger anfühlt, als man gemeinsam unterwegs ist. Ja, leider, leider ist nicht alles Chrom was glänzt, denn was die Eingangs erwähnten Loblieder an Kritiker-Stimmen dabei offenkundig unterschlagen - oder schlicht nicht so realisierten - ist die Langeweile, die mit dem Streifen einhergeht. Denn inhaltlich und erzählerisch ist das was Wright mit Baby Driver abliefert fast meilenweit weg von großem Kino. Ja, gar einige Seitenstraßen abseits von Meisterwerk unterwegs und holpert handlungstechnisch mehr über löcherige Feldwege, denn über perfekt planierte Pisten. Baby ist nicht nur der beste Fluchtwagenfahrer, er hört unaufhörlich Musik. So wegen dem Ohrgeräusch. Zudem ist er ein guter Kerl der sich um seinen taubstummen und im Rollstuhl sitzenden Ziehvater kümmert und eigentlich will er ja gar nicht den Driver für Gangsterboss Kevin Spacey machen. Er muss aber. So schnell erzählt, so langweilig, so ausgelutscht. Und auch wenn Ansel Elgort seinem Baby sowohl mit Introvertiertheit, als auch mit der Aura eines jungen wilden ausstattet - fast eines Han Solo der Straßen – und er den Film auch ordentlich zu tragen weiß - ist Baby doch recht eindimensional geschrieben. Ebenso wie seine Deborah und alle anderen Figuren.

Baby liebt Musik, und Deborah liebt Musik. Und dann lieben beide Musik, und einander. Und auch wenn durchaus Chemie da ist, ist ihre Liebesgeschichte völlig unnötig, wirkt erzwungen und kommt insgesamt wenig glaubhaft daher gedriftet. Deborah wirkt nicht mal wie eine vollständige Person, sonder wird nur zum Sinnbild für den Ausstieg aus dem Fluchtwagen reduziert und hätte problemlos auch durch irgendjemand oder irgendetwas anderes ersetzt werden können. Schade um Lily James, die mehr kann. Mehr als zugestanden kann auch der restliche Cast, und da Baby mit wechselnden Crews unterwegs ist, setzen sich u.a. Jon Bernthal, Jon Hamm, Jamie Foxx und Eiza González zu ihm in den Fluchtwagen. Die bringen zusammen mit Spacey die nötige Star-Power, und nicht mehr. Spacey wirkt gar ab und an deutlich unterfordert. Statt liebevoll mit Details versehener Charaktere wie Shaun, Scott oder selbst Danny Butterman, begnügt sich Wright diesmal offenbar mit einem Best-of Stereotypen und Best-of aus der Stereoanlage, in perfekt choreografiert. Zum Beispiel ist Foxx Bats im Prinzip nur sein Motherf*cker Jones (aus zwei Teilen Kill The Boss) in gefährlicher. Das mag daran liegen, dass Wright hier zum ersten Mal komplett alleine für ein Drehbuch zu einem seiner Filme verantwortlich zeichnete. Und so wirken leider nahezu alle Figuren egal, beliebig, irrelevant... zu cool, zu weit weg und zu unnahbar. Ob sie nun alle stilecht wie unzählige legendäre (Film)Bankräuber vor ihnen im Kugelhagel dahin gehen, oder doch mit der Beute auf dem Rücksitz in Richtung Sonnenuntergang dahin fahren, gleich. Hauptsache der dazu im Autoradio oder auf den Kopfhörern von Baby laufende Soundtrack hat Style und Groove und die Schnittfrequenz passt zum Takt. Style over substance. Völlig.

Fazit:

Wright hat den Wagen getunt, Politur aufgetragen, tolle Leute ans Steuer und auf die Rückbank gesetzt, nur um dann mit gepanschtem Sprit mit zu wenig Oktan an den Start zu gehen, sodass die Handlung nur dahin plätschert, während eine unglaubwürdige Beziehung das Ziel der Reise vorgibt. Wem technische und kompositorische Perfektion ausreicht um ein Meisterwerk zu feiern, der darf schon mal die Getränke kalt stellen (lassen, so vom Kino). Wer darüber hinaus auch durchgehende Spannung und eine funktionierende Liebesgeschichte als Antrieb und Schmiermittel der Handlung wünscht, dürfte eher unterwältigt bis mittelschwer enttäuscht werden. Eine wunderhübsch verpackte, generische 08/15 guter Junge muss böse Dinge tun und kann die Liebe ihn retten-Story. So ist der Film insgesamt nur ganz gut, aber kein Meisterwerk.

6 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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