BG Kritik:

Die Vierhändige


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Der Mann aus dem Eis (D/ITA/AUT 2017)
Regisseur: Oliver Kienle
Cast: Frida-Lovisa Hamann, Friederike Becht, Christoph Letkowski u.a.

Sophie und Jessica wurden als Kinder Zeuge eines brutalen Verbrechens. Jessica, die Ältere, gab daraufhin ihrer jüngeren Schwester Sophie ein Versprechen: „Ich werde immer auf dich aufpassen!“ Doch nach all den Jahren ist aus dem Versprechen eine Besessenheit geworden. Jessica leidet unter Wahnvorstellungen, fürchtet überall eine Bedrohung. Sophie will endlich ihr Leben frei von Ängsten leben, sich eine Karriere als Pianistin aufbauen, sich verlieben. Als herauskommt, dass die Täter von damals nach 20 Jahren wieder auf freiem Fuß sind, ist Jessica entschlossen, sie zu finden. Ein Unfall aber verändert alles und verwandelt Jessicas Versprechen, immer auf ihre kleine Schwester aufzupassen, in einen existentiellen Alptraum.

Ein Psychothriller aus Deutschland. Der Ausdruck mehr Schein als Sein erhält bei diesem Film eine ganz eigene Konnotation.

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Deutschland und seine Genrefilme. Es gibt sie, man muss sie nur finden. Filmemacher Oliver Kienle bewies bereits mit seinem Diplom-Abschlussfilm BIS AUFS BLUT (2010), dass seine Filme mit einer überraschenden Härte aber durchweg spannenden Geschichte daherkommen können. DIE VIERHÄNDIGE kann hierbei wie ein ähnlicher Genre-Hybrid verstanden werden. Vordergründig vielleicht ein Drama mit Thriller- und auch Mystery-Elementen, überlässt es am Ende der Film dem Zuschauer was er daraus macht und wie er den Film liest. Dies gibt ihm einen Anspruch mit und fordert den Intellekt des Zuschauers, wie man es wiederum mehr aus Filmen des Arthouse-Sektors gewohnt ist und man vor allen Dingen aus den 60er/70ern des europäischen Autorenkinos kennt. DIE VIERHÄNDIGE also nur ein Pseudo-Genrefilm?

Es ist schwer über einen Film zu schreiben, wenn man doch eigentlich nicht zu viel verraten möchte. Ein Satz in einer Inhaltsbeschreibung oder eine Einstellung in einem Trailer, kann schon zu viel sein. Dabei erweckt solch eine Herangehensweise vielleicht direkt einen falschen Eindruck vom Film. DIE VIERHÄNDIGE hat eine gewisse Doppelbödigkeit und arbeitet als Verwirrspiel und mit einer finalen Wendung, doch anders als man dies in anderen Genrevertretern vielleicht gewohnt ist, wird der Zuschauer nie zum Komplizen und der Film bietet sich nie als Erklärbar an. Der Film schafft ein Szenario, welches wie seine Figuren nach Antworten fragt und doch spielt sich das eigentlich Interessante nebenher ab. Die Stärke liegt dabei daran, dass sich der Film selbst immer ernst nimmt und nie versucht sich oder seine Figuren für den Zuschauer zu hinterfragen. Die Reflektionsleistung bleibt dem Publikum überlassen.

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Oliver Kienle konstruiert dafür eine Stadt der anonymen Orte. Keine bekannten Fixpunkte helfen dem Zuschauer bei der Orientierung. Der Film etabliert mehrere Handlungsorte, doch bleibt die Stadt eine Unbekannte. Schon das einsame Familienhaus im Schatten größer Industrieanlagen mutet unnatürlich an. Und doch ist der einzige Ort, der durch einen Establishing-Shot etabliert und später durch einen Top-Shot symbolisch aufgeladen wird. Erdrückt hier noch die Industrie die Weite, so ist des ansonsten die völlige Abwesenheit von jeglichen Einstellungen zur Etablierung von Orten. Ähnlich beim Umgang mit den weiblichen Hauptfiguren, lässt Kienle auch zwischen den Orten ohne klare Übergänge schneiden. Der Zuschauer befindet sich ständig im Modus der Orientierung und Re-Orientierung. Man bekommt die Puzzleteile nach und nach zugeworfen, ja der Film nimmt sogar die wohl offensichtlichsten Gedanken auf und spielt mit ihnen. Seine eigentliche Geschichte ist gleichzeitig reichlich klar. Und auch wenn man wohl nicht alles einordnen gar glauben kann, was man sieht, steht vor allen Dingen das Visuelle im Vordergrund. Jede Einstellung kann etwas verraten und ein Augenzwinkern könnte schon zum Verpassen eines entscheidenden Hinweises führen. Doch Hinweis wofür eigentlich?

DIE VIERHÄNDIGE schafft es ein Film zu sein, der eine Ebene eröffnet, die womöglich gar nicht mit nüchternen Elementen zu erklären ist, doch bemüht er sich auch schließlich gar nicht darum. Dies mag der Punkt sein, der den Film etwas von seinen Genrebestrebungen wegbringt. Er lässt sich seine Form nie diktieren. Er eignet sich Genreelemente an, lässt sie aber genauso wieder fallen. Und wenn man glaubt das Prinzip durschaut zu haben, kommt es doch wieder anders. Wer am Ende triumphiert und mein die Wendung schon gekannt oder schon oft gesehen zu haben, der hat nichts verstanden, denn am Ende gehen unsere Figuren weiter und der Zuschauer bleibt zurück.

Was klar sein sollte. Wer den Film einmal gesehen hat, wird ihn sich bestimmt noch einmal ein zweites Mal anschauen wollen/müssen.

Fazit:

M. Night Shyamalan bittet Michelangelo Antonioni um ein paar Drehbuchkorrekturen. So in etwa könnte man Oliver Kienles DIE VIERHÄNDIGE im groben konzeptuell wiedergeben. Ein spannender Psychothriller, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob man ihm das Unfokusierte ankreiden soll oder es hier vielmehr Mittel zum Zweck ist.

7,5 / 10

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