BG Kritik:

Dunkirk


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Dunkirk (UK 2017)
Regie: Christopher Nolan
Cast: Tom Hardy, 1/5 One Direction, Michael Caine

Story: 1940: In der französischen Kleinstadt Dunkerque (englisch: Dunkirk) nahe der deutschen Grenze warten 500.000 britische Soldaten auf ihre Rückkehr ins eigene Land. Weil Churchill die Lage jedoch zu brenzlig ist und er befürchtet, weitere Schiffe verlieren zu können, gibt es nur wenige Transportschiffe und damit ganze Tage Wartezeit, in denen die wartenden Soldaten dem näher rückenden Feind ausgeliefert sind…

GoPro Krieg.

Als Christopher Nolan ankündigte, nach seiner Batman Trilogie, Inception und Interstellar ausgerechnet einen Kriegsfilm machen zu wollen, schien es eine passende Kombination zu sein. Sein Faible für reduziertes Spektakel, gewaltige Bilder und Lärm-Soundtracks kombiniert mit seiner generell unterkühlten Art Geschichten zu erzählen, ließen mit Spannung erwarten, wie er als einer der grandiosesten Filmemacher der aktuellen Generation den Zweiten Weltkrieg inszenieren würde. Vermutlich anders als Stanley Kubrick, Uwe Boll, Kathryn Bigelow und Michael Bay, doch das Ergebnis überrascht trotz Einhaltung mancher Erwartungen.


Erwartungsgetreu lässt sich sagen, dass alle drei Geschichten, die Nolan selbst schrieb, ungemein zu fesseln wissen und einige der intensivsten Kinomomente des Jahres beinhalten. Tom Hardy darf sich die spannendsten Luftkämpfe seit Stealth liefern. Hardy, wie schon als Bane laufend mit einer Beatmungsmaske verhüllt, steuert seine knarzende Mühle durch Wolkendecken, kämpft in Dogfights und versucht auszumachen, was sich tief unter ihm abspielt. Verglichen mit Filmen wie Top Gun oder Pearl Harbor setzt Nolan hier auf Realismus, lässt komplizierte oder coole Flugmanöver weg und konzentriert sich stattdessen darauf, die Intensität des Fluges zu vermitteln. Wir sehen wie schwierig es ist, diese alten Maschinen zu fliegen, wie wenig man letzten Endes sieht und wie wenig bereits ausreicht, um sie zum Boden zu schicken. Wäre da nicht der Krieg drumherum, könnte so mancher Cockpitblick zur Sonne am Horizont mit Pink Floyds Learning to Fly untermalt sein, denn Hoyte van Hoytemas Kameraarbeit ist einmal mehr oscarwürdig.

Ruhiger geht es an Bord eines kleinen Bootes zu, auf dem Mark Rylance aus Bridge of Spies zusammen mit seinem Sohn und einem befreundeten Jungen unterwegs ist. Sie erleben nicht viele Konfrontationen mit dem nie gezeigten Feind, stattdessen geht es bei ihnen um Zivilcourage. Unbewaffnet und schutzlos tuckern sie los, „ihre Jungs“ abzuholen. Der Freund seines Sohns hält die ganze Sache für spannend und will unbedingt an die Front, doch während der eigentliche Sohn, dessen Bruder im Krieg gestorben ist irgendetwas beitragen will, hat der Vater einen ganz anderen Respekt vor dem, was vor ihnen liegt.

Die dritte und größte Perspektive folgt einem vom Krieg gezeichneten Soldaten, der vom Festland Dunkerques aus aufs Meer gerät und dort durch die maritime Hölle geht. Flieger- und U-Bootangriffe, Geschützfeuer vom Land, verängstigte Kameraden, eventuelle Verräter in den eigenen Linien, sowie die Strömungen, Wellen und Wasserkälte des Meeres drohen ihm unentwegt mit Verhängnis. Intensiver noch als die Luftgefechte, inszeniert Nolan seine Reise so hautnah, dass man ständig ein Mittendrin-statt-nur-dabei Gefühl erlebt. Auffällig ist, dass obwohl zahlreiche Soldaten ihr Leben verlieren, nahezu nie Blut zu sehen ist. Anders als Spielberg, Verhoeven oder kürzlich erst Mel Gibson bei Hacksaw Ridge, die die physischen Konsequenzen von Blei, Schrapnellen und Druckwellen auf den menschlichen Körper in aller authentischer Härte zeigten, konzentriert sich Nolan bei seinem Strandausflug allein auf psychischen Horror. Wenn die feindlichen Schüsse immer näher einprallen, ein feindlicher Jäger unter Dröhnen zum Sturzflug ansetzt oder ein im Bauch eines sinkenden Schiffes schwimmender Soldat feststellt, dass er das Schott über sich nicht mehr aufkriegt, ist genügend Horror da, um Fingernägel runterzukauen und um am Ende nicht sagen zu können, dass Dunkirk Kriegskonsequenzen verharmlosen würde. Dennoch ist es eine seltsame, schwer nachzuvollziehende Entscheidung. Durch das konsequente Ignorieren blutiger Szenen wirkt der Kino-Dunkirk oftmals wie eine zensierte Version.


Eine verspielte Besonderheit des Films ist Nolans Interesse an nichtlinearen Verschachtelungen, hier Zeitspielerei. Die drei Perspektiven zeigen nicht Paralleles, sondern zeitlich Versetztes: das am Strand passiert im Verlauf einer Woche, das auf dem Boot im Verlauf eines Tages, das in der Luft im Laufe einer Stunde. Wie es der Zufall will, kommen alle drei zu bestimmten Zeitpunkten zusammen. Die Frage ist halt wann, und in Hinblick der ständig wechselnden Perspektiven wird es mitunter etwas konfus, wenn der Flieger beispielsweise über Mark Rylance hinweg auf ein Schiff zufliegt, auf dem sich der junge Soldat gerade befindet, dessen Szene aber zu einem ganz anderen Zeitpunkt gezeigt wird. Man merkt, dass Nolan es bewusst so zusammenschnitt, um einige Spannungsmomente schon früh unbemerkt beginnen zu können, doch es wirkt mehrfach einfach unnötig verwirrend. Vielleicht wäre schon damit geholfen zu wesen, die einzelnen Tage am Strand mit Einblendungen zu datieren. So oder so ist es schon deswegen unnötig, weil der Film dermaßen viele Hochspannungsmomente hat, dass man der Klarheit halber auch auf eine handvoll davon hätte verzichten können.

Dunkirk ist ein rein technischer Film geworden. Nolan mag mit Fionn Whitehead, Aneurin Barnard und kurioserweise mit Englands-DSDS-Drittplatzierten / One Direction Boybandmitglied Harry Styles drei interessante junge Gesichter für die Soldaten am Strand gefunden haben, die man mit in den Recall lassen könnte, und mit Cillian Murphy, Kenneth Branagh und besagtem Mark Rylance richtig gute Leute in Nebenrollen haben, doch es ist schwer zu übersehen, dass Dunkirk ein reiner Regiefilm ist, der zwar Menschen zeigt, sich aber kaum mit ihren Emotionen oder Gedanken auseinandersetzen will. Gesprochen wird nur, wenn es gar nicht anders vermeidbar ist, und die meisten erlebten Gräuel werden maximal mit schockierten Blicken oder Verbissenheit kommentiert. Rylance darf ein paar kurze Gespräche über den Patriotismus seiner Figur haben, welcher hinsichtlich seines Unterfangens, mit einem Zivilboot in das Höllenszenario Strandkampf zu fahren, nicht wirklich ge-bayt ist, doch die mitreißenden, ergreifenden Momente eines Interstellar sucht man hier vergebens. Am stärksten verdeutlicht wird Nolans Desinteresse am menschlichen durch Kenneth Branaghs Commander. Der steht den ganzen Film über in schicker Uniform auf einem Pier, hält nach Fliegern Ausschau, schwafelt mit Gleichgestellten und ruft den Soldaten Mut zu. Durch sein naturgegebenes Charisma ist Branagh immer gern gesehen, aber gerade durch die immensen Limitierungen, die Nolan dem fünffach Oscar nominierten Shakespeare-Veteran setzt, macht sich Nolan selbst klarer noch als mit seinem Verzicht auf Dialoge.

Musikalisch ist Hans Zimmer wieder mal zur Stelle, der sich hauptsächlich auf den Dark Knight Soundtrack zurückbesinnt und die bereits durchforsteten Klanggewitter neu variiert. Ein Thema gibt es nicht, stattdessen gibt es derart viel Gedröhne und Geschrabbel, dass einem Trent Reznor ganz wuschig werden müsste. Einzig Beats würden dem noch fehlen.

Fazit:

Gut, gucken.

8 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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