BG Kritik:

Spider-Man: Homecoming


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

Spider-Man: Homecoming (US 2017)
Regisseur: Jon Watts
Cast: Tom Holland, Michael Keaton, Marisa Tomei, Robert Downey Jr., Jon Favreau

Story: Frisch von seinem Civil War-Einsatz in Deutschland zurück, sieht sich Peter Parker mit den Alltags-Komplikationen aus Teenager-Dasein und Superheld nach Schulschluss konfrontiert. Sich zu mehr als Handtaschen- oder Fahrraddiebe dingfest machen berufen fühlend, kommt eine fliegende Bedrohung namens Vulture zunächst wie gerufen.

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Es war einmal, vor langer Zeit, da musste der Comic-Verlag Marvel, um zu überleben, seine wertvollsten Kino-Lizenzen abgeben. Die X-Men, Fantastic Four und Daredevil gingen an Fox, Hulk und Namor an Universal... und der Ghost Rider und Spider-Man landeten schließlich bei Sony. Filme wurden gedreht, Geld wurde gemacht und der Boom der Comic-Filme wurde losgetreten. Schnellvorlauf in die Gegenwart, rechtlich sind einige Helden wieder daheim im Schoße von Marvel (selbst zwischenzeitlich in den Disney-Konzern aufgenommen), während andere Helden extern schlicht einen Reboot erfuhren. So auch Spider-Man. Einen finanziell hinter den Erwartungen zurück bleibenden Reboot in zwei Teilen später, folgte die Übereinkunft, ihn erneut neu zu starten, diesmal innerhalb des Marvel Cinematic Universe, kurz MCU. In 2008 mit dem damals noch Comic B-Helden Iron Man gestartet und inzwischen zum Marktführer und Vorbild beim Aufbau von vernetzten Filmuniversen mutiert, kam es in 2015 also zur Einigung zwischen Marvel und Rechteinhaber Sony, und man ließ die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft in Captain America: Civil War debütieren. Nun folgt der von Marvel für Sony produzierte Nachschlag und das erste Solo-Abenteuer vom neuen Spider-Man. Die Heimkehr des Helden.

Ich bin zurück, trällerte der erste Kino Spider-Man Tobey Maguire einst in Sam Raimis zweitem Teil, um unmittelbar und direkt danach kopfüber abzustürzen und unsanft auf ein Autodach aufzuschlagen. So ergeht es dem neuen Spider-Man glücklicherweise nicht, denn auch wenn er zurück ist, so ist hier kein Absturz zu befürchten. Zumindest kein qualitativer. Denn der Film ist klasse geworden, soviel sei direkt verraten. Böse Zungen mögen sagen - und tun es immer wieder - nicht alle Comic-Filme basierend auf Marvel-Comics müssen oder gar sollten im MCU angesiedelt sein. Zu viel Konformität und Langeweile und eine allgemeine Mutlosigkeit. Wenn das Konformität, Langeweile und Mutlosigkeit ist, dann gerne mehr davon. Für Spider-Man mit einer aus seinem Blickwinkel gestalteten Erweiterung der Flughafenszene aus Captain America: Civil War beginnend, wiederholt man im MCU-Reboot unter Jon Watts (Clown, Cop Car) glücklicherweise nicht den vorherigen Reboot Fehler, dem Publikum erneut die Ursprungsgeschichte - mit Biss einer (egal ob radioaktiven oder genetisch optimierten) Spinne, totem Onkel Ben und aus großer Kraft folgt große Verantwortung – vorzubeten. Tatsächlich wird dem Ursprung der Kräfte gar nur ein Nebensatz spendiert, da eh bekannt und hier eigentlich auch nebensächlich. Es geht vielmehr um einen 15-jährigen jungen Mann, der sich blauäugig bis naiv einer romantisierten Vorstellung hingibt, ein Held sein zu wollen, in der Schule ein Mädchen aus der Ferne anschmachtet, und wenn er nicht gerade Diebe mit seinem Netz irgendwo festklebt, mit seinem Kumpel Ned Leeds (Jacob Batalon) abhängt. Ned Leeds? Wie, kein Harry Osborn? Kein Kobold? Kein Onkel Ben? Genau! Denn statt sich direkt, unmittelbar und erneut mit bereits allzu bekanntem abzumühen, besinnt man sich nun auf Comic-Figuren, die es bisher nicht zu filmischen Ehren gebracht haben. Dadurch ist es keine neue Spinne in alten Netzen, sondern ein sich frisch anfühlender Neustart, der sowohl für Fans als auch Spidey-Neueinsteiger viel sehenswertes und eben auch Neues bietet.

Monate nach den Ereignissen in Deutschland und trotz täglichem Status-Update (herrlich witzig) an Tony Starks Fahrer, Begleiter, Kumpel Happy Hogan (Jon Favreau) und der Beteuerung bereits für Einsätze mit den Avengers zu sein, fühlt sich Parker von seinem Mentor Tony Stark (Robert Downey Jr.) zunehmend klein gehalten und ignoriert, ja, zum freundlichen Spider-Man aus der Nachbarschaft zurückgestuft. So besteht Peter Parkers Helden-Alltag hier in Ermangelung größerer Möglichkeiten zunächst aus dem aus dem Verkehr ziehen von kleinen Fischen, wie den eingangs erwähnten Fahrraddieben. Und diese Szenen sind so schön anders als das übliche und ständige die ganze Welt retten. Wunderbar, und immer mit einer mitreißenden, jugendlicher Begeisterung für das Abenteuer Held. Bis zum Aufkommen des geflügelten Vulture (Michael Keaton), und natürlich will sich Spider-Man beweisen. Bürgerlich Adrian Toomes, fliegt dieser Geier seit Jahren erfolgreich unter dem Radar der Avengers und betreibt einen Schwarzmarkt-Handel mit Superwaffen. Direkt mit nachvollziehbarer Motivation ausgestattet, aber ansonsten nur ok und gar austauschbar wirkend, ändert sich dies später auf einen Schlag. Dass Michael Keaton großartig ist, beweist er hier einmal mehr. So wirkt der Mann in einer ansonsten völlig harmlos wirkenden Szene, allein durch seine Mimik, unendlich bedrohlich. Und das innerhalb eines Flügelschlags. So gehört der Geier deutlich zu den besseren, ja, neben Loki bisher eigentlich einzig wirklich guten Bösewichten aus dem MCU. Chapeau, Team-Marvel! Das hatte man euch gar nicht mehr zugetraut, aber Adrian Toomes hat eine glaubhafte und nachvollziehbare Motivation und am Ende des Filmes dürften nicht wenige Zuschauer sogar Empathie für dem Bösewicht empfinden. Apropos Ende des Filmes, denn natürlich gibt es auch in Spider-Man: Homecoming wieder Szenen danach. Genauer gesagt zwei Szenen. Eine im - übrigens angenehm kreativen - Abspann, und eine Szene danach. Und während Szene eins nur dem üblichem Teaser für mehr Schema entspricht, dürfte Szene zwei nicht weniger als die beste Abspannszene seit Bestehens des MCUs sein. Sitzen bleiben, und genießen.

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Bevor es soweit ist, gibt es aber einen guten Mix aus ruhigen Charaktermomenten, sauber und gut inszenierter und wohl dosierter Action, und vor allem Humor zu bestaunen. Doch dazu gleich. Denn was man Jon Watts und Marvel hier besonders groß anrechnen darf, ist wie viel der Film für die Zukunft in Stellung bringt, und wie frisch er dabei wirkt. Von potenziellen Liebschaften und Bösewichten, hin zu Andeutungen von Größerem. Und das völlig unaufdringlich und oft nur mehr oder weniger im Hintergrund. Neben dem Spaß wird es aber auch mal ernst, und so schlägt die Stimmung nach gut einer Stunde der Laufzeit auch deutlich dunklere, bedrohlichere Töne an und man lässt den Spider-Man auf dem harten Boden der Superhelden-Realität ankommen. Die Story verläuft dabei in Superhelden typischen Bahnen, allerdings ohne dabei extrem vorhersehbar zu sein. Den größten und finalen Twist, den dürften die wenigsten Zuschauer auch nur erahnen. Kurz vor dem Finale gibt es gar die wohl bisher deutlichst düsterste Szene innerhalb des Kinobereichs des gesamten MCU zu sehen. Fast physisch spürbar, erdrückend, als entstamme sie eher einem Artverwandten von 127 Hours, als einem ach so heiteren Superhelden-Filmchen von Marvel. Aber der Regisseur hat ja zuvor auch u.a. den Horror-Film Clown inszeniert. Das eigentliche Finale fällt dann zwar wieder groß, aber im MCU-Gesamtbild doch angenehm klein wirkend aus. Immer dabei Michael Giacchino, welcher der Spinne zu ihrem Klang verhilft. Giacchinos Original-Score ist gut, aber bis auf eine Variation des klassischen Musikthemas der alten Zeichentrickserie aus den 1960er Jahren leider wenig prägnant oder außergewöhnlich. Nichts was sofort im Ohr verbleibt, da gibt es Steigerungspotenzial.

Was gleichermaßen aber im positiven Sinn auch für Peter Parker in der Rolle des Helden gilt. So ist Peter hier nicht direkt super als Spider-Man, nur weil ihm Tony den schicken High-Tech-Anzug spendiert hat, und er so wie ein Profi im Held sein aussieht. Ist er nicht. Eigentlich sogar so gar nicht. Und genau das macht diesen Spider-Man so unterhaltsam, glaubhaft, menschlich.... denn Peter ist nur ein Junge aus Queens, der nun diese unglaublichen Kräfte hat und hier erst lernt, diese einzusetzen. Und allein seine Fehltritte in den ersten Schritten als Held machen den Film völlig sehenswert. So hängt dieser Spider-Man ganz offensichtlich nicht direkt an den Händen Gottes, sondern braucht hoch gelegene Ankerpunkte zum Netz-Schwingen. Hat er die nicht, tja, dann mündet dies mal eben in einer der witzigsten, selbstironischsten und bei einem ganz speziellen Vorbild zitierenden 80er Jahre Film, um einen gewissen Ferris Bueller, der einst unter John Hughes mal blau gemacht hat. Dabei passend musikalisch unterlegt. Wie in dieser Szene, zieht der Film unglaublich viel seiner Komik und seines Charmes aus der Situation heraus, während der Held seinen Platz in der Welt finden muss. Spider-Man ist hier - wie schon in Civil War - das munter im Kampf plappernde Großmaul, welches man aus den Comics kennt. Und das ganz ohne ein Arsch zu sein. Hust, Andrew Garfield. Eine mit und ohne Maske unfassbar sympathische - und die Dualität aus Held und 15-jährigem Schüler gekonnt heraus stellende - Performance, die Tom Holland hier abliefert. Er trägt die Rolle und das Kostüm mit Bravour. Aber er ist nicht allein, und so erweisen sich u.a. Kumpel Ned Leeds und Happy Hogan als hervorragende Szenen-Diebe und auch natürlich fliegt auch Iron Man mal durchs Bild und macht was ein Iron Man so macht. Aber, es ist ganz und gar ein Solo-Film und kein Mini-Avengers mit Spider-Man im Titel. Nur eben einer in dem der Held nicht der einzige Held weit und breit, ja, noch nicht mal in New York ist. Der freundliche Spider-Man aus der Nachbarschaft ist eben sichtbar im MCU angekommen, und legt dabei fast eine Punktlandung hin. Kaum mehr als hier und da ein paar kleine Schwächen im CGI, dort eine kleine Länge in den 133 Minuten Laufzeit oder eben der nicht wirklich prägnant ausfallende Original-Score trüben etwas das Gesamtbild.

Fazit:

Ab und an herrlich selbstironisch, spinnt Spider-Man nun dort sein Netz, wo er hingehört. Spider-Man: Homcoming ist stimmungsvolles Blockbuster und Sommer-Unterhaltungs-Kino der Extraklasse mit einem grandiosen Helden und einem Schurken, der ihm in nichts nachsteht. Ein humorvoller Superhelden-Spaß bei dem auch die ernsten Szenen sitzen und mindestens der beste Spider-Man Film seit Sam Raimis erstem Sequel. Spidey ist wieder amazing, und diesmal nicht nur dem Filmtitel nach.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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