BG Kritik:

The Shallows: Gefahr aus der Tiefe


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Shallows (USA 2016)
Regisseur: Jaume Collet-Serra
Cast: Blake Lively, Sully "Steven" Seagull

Story: An einem abgelegenen Strand will Nancy (Lively) surfen, wird dabei aber von einem Hai attackiert. Verwundet kann sie sich auf einen Felsen retten, knapp 200 Meter vom rettenden Ufer entfernt, aber mit einem fresswütigen Hai ständig in ihrer Nähe.

Was ist Trash?

Spielt in Mexiko, gedreht in Australien.


Wer in seinem Leben mehr als zehn Filme gesehen hat, wird eine gewisse Vorstellung haben, wie bzw. wo man den Begriff ‚Trash‘ zu verwenden hat. Spricht man nicht gerade mit echten Liebhabern, benutzen wir Trash als abwertenden Begriff für billigen, unoriginellen, niveaulosen oder sonst irgendwie „schlechten“ Film-Schund. Seit Tarantino greifen Liebhaber dann auch lieber zum Begriff „Pulp“, was letztendlich eine latent prätentiöse Unterscheidung wie Graphic Novel zu Comic ist. Echter Trash ist jedoch eine Kunstform. Filme, die einen äußerst schmalen Grat zwischen augenzwinkerndem Ernst und hintersinniger Ironie beschreiten, jederzeit in Gefahr, auf Seiten ernsthafter Langeweile oder alberner Lächerlichkeit zu stranden. Regisseur Jaume Collet-Serra wird seit einiger Zeit als neue Hoffnung dieser speziellen Film-Nische angesehen, irgendwo im filmischen Bermuda Dreieck zwischen Roger Corman, Paul Verhoeven und eben Quentin Tarantino.

Collet-Serras Debütfilm, dem Horror-Remake „House of Wax“, konnte man ein gewisses Gespür für fein nuancierten Humor inmitten von Horror, Schrecken und Gewalt anmerken, doch „Orphan – Das Waisenkind“, der dem Regisseur einen größeren Durchbruch verschaffte, trug sein Pulp/Trash-Horror Gewand so selbstbewusst, dass man kaum auf die Idee kam, es zu hinterfragen. Erst drei Filme, in denen Liam Neeson sein neues Action-Star Image weiter ausbauen konnte, machten deutlich, welche Absichten Jaume Collet-Serra mit seinem Genre-Kino verfolgt. Der Flugzeugthriller „Non-Stop“ stürzte zwar immer wieder in den Bereich absurder Albernheit, doch die Intention war klar: den Spaß-Level des Genre Kinos auf längst vergessene Höhen schrauben, auf Realismus und Nachvollziehbarkeit zu pfeifen, und diese irre Mixtur nur mit wohl dosierten und noch besser platzierten Andeutungen von Ironie präsentieren. So gesehen ist „The Shallows“ ein Meisterwerk.

Feige: Der Hai im Film ist nicht echt, kommt stattdessen aus dem Computer.


Zu Beginn wühlt der Film, nach einem – vermutlich (!) – deutlich ernster gemeinten Drehbuch von Anthony Jaswinksi, in zeitgenössischen Genre-Klischees. Man droht uns ganz wortwörtlich Found Footage an, nur um klischeegetreu in der Zeit zurückzuspringen, ohne die zum gefundenen Bildmaterial gehörige Kamera weit und breit. Der Dialog, wenn Medizinstudentin und Surf-Touristin Nancy auf dem Weg zum geheimen Surf Strand mit ihrem einheimischen mexikanischen Fahrer spricht, suhlt sich in wunderbar dämlichem Humor, der entsteht, wenn sich zwei Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen und marginalen Kenntnissen der jeweils anderen Sprache unterhalten. „Con a“ ist für Nancy keine grammatikalische Korrektur zur Genus Flexion, sondern ein Objekt. Natürlich benutzt Jaume Collet-Serra Blake Livelys Körper für einen kurzen Fa-Duschgel Werbespot, wenn Nancy sich strandfertig umzieht. Und natürlich stehen die ersten Momente im Wasser mit Slow Motion und Elektropop/Dubstep Musik in Anlehnung an modernen Extremsportdokus.

Da möchte man zunächst noch die Nase rümpfen, da es unnötig erscheint. So wie die brachiale Charakterisierung von Nancy bezüglich ihrer Motivation (die Mutter) und ihrer beruflichen Zukunft (das Studium) nicht nur klischeehaft ohne Ende ist, sondern auch schmerzhaft unsubtil in den Film geknallt wird. Doch sobald Nancy ihre erste Begegnung mit Meeresbewohnern hat, kann man ahnen, was einem hier bevorsteht. Wir sehen Nancy auf dem Surfbrett sitzen, ihre Hände und Füße planschen ein wenig durchs Wasser, als sich plötzlich etwas rührt und an die Oberfläche schießt. Es ist ein fantastischer Moment, dessen absurde Auflösung einem Startschuss für den eigentlichen Film gleichkommt.
Realistisch ist an „The Shallows“ quasi gar nichts. Und das ist auch gut so. Dass so etwas funktioniert ist keine Selbstverständlichkeit, wie die Idiotie der „Sharknado“ Filme beweist. Doch Blake Lively im übermenschlichen Überlebensmodus, ihr gefiederter Begleiter, ein gewisser Kadaver, der in unmittelbarer Nähe treibt, und natürlich der Hai, eine dauerhaft hungrige Fressmaschine mit Engelsgeduld, machen „The Shallows“ zu einer ungemein unterhaltsamen Angelegenheit. Leider nimmt das Drehbuch Nancys persönliches Drama ein wenig zu ernst. Eine emotionale Ansprache zu Beginn des Schlussdrittels ist zwar halbwegs emotional, aber vielleicht eine Spur zu theatralisch ehrlich für einen Film dieser Art. Andererseits hilft es hier vielleicht eine Blake Lively zu haben, die aufgrund ihrer bisherigen Karriere eine naturgegebene Ironie für derartige Szenen mitbringt. Stellt man sich eine Jennifer Lawrence in der Rolle vor, die einst im Gespräch war, wird der Unterschied deutlich. Dafür entschädigt das Finale, denn nachdem der Mittelteil das Survivaldrama mit fein abgestimmten Momenten (ein unerwarteter Besucher am Strand und dessen Schicksal) mehr unterhaltsam als wirklich spannend gestaltete, schaltet Jaume Collet-Serra zum Ende hin in den höchsten Gang. Hätte er mit diesem Irrsinn losgelegt, sein Film wäre nach wenigen Minuten abgesoffen, doch „The Shallows“ erarbeitet sich haarsträubend irreale Action und einen brachialen Showdown, der genau das verkörpert, was Sommerkino verkörpern sollte: gnadenlose Unterhaltung. (Und Lob an den Epilog, der die richtige Message vertritt.)

Fazit:

„The Shallows“ ist kein Horrorfilm. Es ist kein „Gravity“ im Wasser, kein neuer „Der weiße Hai“, kein Nagelkau-Garant. Jaume Collet-Serras Film ist wunderbar entwickelte Action-Survival-Unterhaltung mit gekonnt abgestimmten Momenten aus Spannung und Spaß, und einer guten Portion zwanghaft integriertem Drama dazwischen.

7,5 / 10

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