|
MEINE FAVORITEN 2011
(von Christian Mester)
2011.
Wieder ein Jahr Film, das uns Aufregendes
bescherte: Hits, Flops, Comebacks, Kontroversen,
Enttäuschungen, Überraschungen, überfällige, und manches
Mal, übereilte Enden. Auferstehungen, Stürze, begabte
Neutalente. Prequels, Remakes, Neuaufführungen,
künftige Kultfilme, Karriere-Highlights, blamable
Untiefen und HOBO WITH A SHOTGUN. Ungemein teure
Comic-Verfilmungen, erschütternd einfühlsame Dramen,
umwerfende Filme über standhafte Themen, an anderen
Stelle: leise Töne in lauthals empfohlenen
Kleinwerken, dann: THE HUMAN CENTIPEDE 2: FULL
SEQUENCE.
Kurzum: mag man Filme, gab es mehr als genug
Programm, um
zufrieden zu sein, um nahezu jeden Geschmack
abgedeckt zu sehen.
Meinen? Die folgenden 15 Titel halte ich
nicht unbedingt für die qualitativ besten Filme des
Jahres - vielmehr habe ich mir für meine Jahresliste
die 15 Titel
rausgesucht, die mir am stärksten in Erinnerung
geblieben sind. Im Anschluss gibt es noch ein
paar zusätzliche Nennungen
- es folgt dann noch eine Liste mit meinen 15 meist
erwarteten Filmen für 2012.
Nun denn - Eispause. Dann lesen:
Mesters 15 Favoriten 2011.
FISCH VERSUS FREISCHWIMMER
The Reef - Schwimm um dein Leben, von
Andrew Traucki
SHARK NIGHT 3D wollte im Winter bissiges
Hai-Horrorkino sein, ein FINAL DESTINATION mit Haien, meets Hostel.
Im eigenen Gewässer
wird er jedoch von einem völlig unscheinbaren
Konkurrenten gedöppt: THE REEF - SCHWIMM UM DEIN LEBEN, ein
kleiner direct-to-dvd Horrorfilm im Stil von OPEN
WATER, in dem ein paar bootlose Schwimmer auf
hungrige Knorpelfische treffen. Während 95% aller Hai-DVD-Filme
Schund sind, ist THE REEF zwar
ebenfalls günstig produziert, aber gekonnt umgesetzt.
Die ausweglose Lage auf dem Meer wird geduldig
ausgereizt, sodass das seltene Erscheinen des Hais,
der übrigens nicht wie ein Hollywood-Bösewicht, sondern
zur Abwechslung einmal rein
animalisch agiert, zum fingernägelbeißenden
Schnorchelschlotterspaß wird. // Hätte THE REEF als
#15 fast geschlagen: THE FIGHTER.
Schon gewusst? Als Spielberg seinen ersten
mechanischen Weißen Hai für Der Weiße Hai 1975
fertig hatte und ihn das erste Mal in Martha's
Vineyard in Maryland ins Wasser ließ, ging die
ganze Konstruktion Baden (sprich, unter).
Verliebt,
verlobt, verloren?
Blue Valentine, von Derek Cianfrance
BLUE VALENTINE hat schlichtweg niemand gesehen. Ein
Drama mit Ryan Gosling und Michelle Williams,
über einen Mann, der eine Frau liebt.
Schade drum, denn der Film kostet Liebeslust ebenso
einfühlsam und unerbittlich wie emotional aus und ist
inszenatorisch eine selten gesehen Liebesgeschichte, die ohne Melodramatik, ohne
überkandidiertes Gehabe, ohne kitschige
Liebeserklärungen und Feel-Good-Musik auskommt und
trotz bitterem Ton, trotz allem, trotz matter
Farbpalette dennoch nie deprimiert. Ein
überblickend ungemein erwachsener Film, handwerklich
toll inszeniert.
Prophezeiung: Ryan Gosling wird auch auf der
nächsten Jahresbestenliste zu finden sein.
JOUNGE!!!!!
New Kids Turbo, von
Flip
van der Kuil
Ein Film, der den Rubikon des guten Geschmacks
überschreitet.
Das holländische Comedy-Team rund um Flip van der
Kuil nimmt die 90er-Vokuhila-Eurodance-Szene derart treffend auf die Schippe,
dass es Zelebrierung Dosenbier schüttender Jogginghosen-Schwachmaten - und Parodie
zugleich wird. Der VOLL NORMAAAL einer neuen
Generation und damit here to stay.
HOCH HINAUS UND
HINAUS AUFS HOCHHAUS
Mission: Impossible - Phantom Protokoll, von
Brad Bird
Dass MI4 gut werden würde, war abzusehen, nicht
aber, wie sehr. Antwort: sehr. Die gesamte
Dubai-Sequenz ist fast alleinig die beste
Actionszene des Jahres (tie mit der
Marokko-Verfolgungsjagd aus TIM UND STRUPPI: DAS
GEHEIMNIS DER EINHORN), der Film macht unverfroren
Spaß und lässt zurecht auf den nächsten Teil freuen.
WOODY WILLS WISSEN
Midnight in Paris, von
Woody
Allen
Lassen wir Owen Wilson durch Paris schlendern, ihn
so gut wie möglich Altmeister Woody Allen nachahmen und
diesen erschaffenen Owen Allen mit alten
Kunstlegenden plaudern. Die wundervolle Marion
Cotillard irgendwo dazu. Das ist das Konzept Allens
neuesten Films, der nach nur passablen Filmen zu
altem Grip zurückfindet. Ein
verträumter Film, der zum Schwelgen
einlädt, zum Reisen inspiriert und wohlig gute
Stimmung verbreitet. Mag man den Duft alter Bücher
und die Geschichten jener, die sie schon in den
Händen hielten und derer die sie schrieben, ist es ein Film, der gut tut.
CARNAGE
Der Gott des Gemetzels, von Roman Polanski
Zwei Elternpaare sitzen in einem Wohnzimmer und
diskutieren. Was in anderen Filmen in zwei Minuten
abgetan ist, wird in dieser Theaterstückadaption zum
Gefecht darstellerischer Titanen. Ein Fest der
Worte, das feste trifft und nicht locker lässt,
dabei unverhofft spaßig ausfällt. Ein Pflichtfilm
für jeden, der Geduld hat und auch ohne rote Becher
lachen kann.
DEN
BULLEN BEI DEN HÖRNERN
Der große Crash - Margin Call, von
JC
Chandor
Das kleine Dollardrama
MARGIN CALL lief weltweit nur in kleinem Rahmen an
und ward rasch verschwunden - ein Unding, denn der
Film ist hervorragend und einer der interessantesten
über das unbequeme Thema der Finanzwelten. Vom
dokumentarischen Zeitzeugenstil her ein wenig
vergleichbar mit THE SOCIAL NETWORK, wenn auch
film- und klangtechnisch nicht ganz so schillernd
und schallend umgesetzt (NIN fehlen), ist das top gespielte Ensemble-Stück (für
diesen Gruber bester Auftritt seit Jahren: Jeremy Irons) ein
faszinierender Blick hinter die Kulissen der großen
Gebäude, hinein in
die Machenschaften der Wurzeln allen Übels. Toll
gespielt von einem tollen Team.
XTRAVAGANT
X-Men: Erste Entscheidung, von
Matthew Vaughn
X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG ist ein Film, der auf dem
Papier nicht direkt für sich sprach: ein fünfter
Film aus dem - in dieser Interpretation - prinzipiell
ausgelaugten X-MEN Universum, als Prequel, mit
jungen Leuten in den Rollen der altbekannten. Was
NIX-MEN: FEHLENTSCHEIDUNG hätte werden können, ließ
jedoch glatt blau anlaufen vor Atemlosigkeit: James McAvoy und
Michael Fassbender spielen eine überragend starke
Partie Schach und geben starke zerrissene Freunde ab,
die nicht nur Mystique blaue Gänsehaut verpassen. Dazu beeindruckt Kevin Bacon als Bösewicht vom
Format der alten Bond-Filme. Apropos Bond: Vaughn,
der zuvor eigentlich fast schon X-MEN 3 gedreht
hätte (dann aber kurzfristig abspringen musste),
verleiht X-MEN: EE hier einen beschwingten
Agentenfilm-Touch. Der
Film wirkt sodann wie sich die gigantische
Satellitenschüssel unter Magnetos emotionalen
Einfluss verhält: bewegend.
ÜBERTAKTET
TRON: Legacy, von Joseph Kosinski
Ja, TRON 2 ergibt in vielerlei Hinsicht keinen Sinn
(wo würde CLUs Armee materialisieren - in Flynn's
Keller? Selbst wenn, was würden sie dann machen?
Wieso altert Flynn im Spiel? Wieso hat er als Admin
keine Allmacht in seinem eigenen Programm?), hat nicht die originellste Fantasywelt, einen CGI Jeff Bridges zuviel
(den ersten), keine
emotionale Tiefe und ist im Grunde schlichtes Style over Substance - aber er ist
darin so dermaßen gut, dass alles andere an Bedeutung verliert.
Die Musik: göttlich, die Optik umwerfend, die immer
wieder eingestreute Action - eine Augenweide. Nicht
so destruktiv wie Shockwaves Wühlschraube, aber mit
tosender Eleganz.
I LOLed
Kung Fu Panda 2, von
Jennifer Yuh
Für Animation war 2011 insgesamt kein Glanzjahr, aber ich
muss gestehen, dass mich der zweite Panda aus den Socken
gehauen hat. Der erste war gut, aber keine
denkwürdige Kost - 2 hingegen ist der gefühlte Kranichkick in
Martin Koves Cobra Kai Gesicht. Panda Po hat die
lustigsten Verrenkungen, Fratzen, Schoten des Jahres und ist so herrlich paddelig, dass man aus dem Lachen nicht
mehr herauskommt -
nur, wenn's bewegend wird. Und das wird's, denn der
Film hat einige wirklich fiesen Tränendrücker, die
selbst den härtesten in die Knie zwingen. Dazu
gibt es einen Bösewicht, der die meisten anderen des
Filmjahres auf die hinteren Plätze verweist. Sollte
man gesehen haben.
KNOCHENTROCKEN
Winter's Bone, von
Debra
Granik
Rustikale Hoffnungslosigkeit in D-Moll: Debra
Graniks grau-graues Farmerdrama besticht durch eine
gnadenlos transportierte Unerbittlichkeit, von der
viele Postapokalyptik-Actionfilme nur träumen
können. Die neue Mystique Jennifer Lawrence besticht
als unbeirrbare Farmerstochter, die blutend hinter
der Sinnlosigkeit ihres Überlebens herstapft,
versucht, ihre von selbst erlegten Eichhörnchen
lebenden Geschwister irgendwie weiterhin am
sinnlosen Leben halten zu
können. Magnetisierend: John Hawkes, der 2012 ähnlich
fesselnd in MARTHA MARCY MAY MARLENE zu sehen sein
dürfte.
ÄHM?
The King's Speech - Die Rede des Königs, von
Tom
Hooper
Von THE KING'S SPEECH habe ich mir Anfang 2011
anspruchsvolles, aber jedoch nicht weiter wichtiges
Drama erwartet - einen Oscar-Pflichttitel, der viel
verspricht und eigentlich nur aufgrund seines
Daseins im Rennen ist. Mit Skepsis wunderte ich
mich, wieso er im Vorfeld derart groß als
Mitstreiter gehandelt wurde. Welch Ahnungslosigkeit.
Unter der Zylinderkrempe des kleinen Royalgeschichtchens
steckt ein ausgezeichnetes Charakterduell, in dem
gleich zwei mit Colin Firths König kämpfen: des
Königs eigene psychischen, seelischen und sozialen
Blockaden, und Geoffrey Rush als Sprachlehrer aus
Übersee, der dem in seinen eigenen Augen mächtigsten
Mann der Welt blümerant spitzbübisch die Stirn
bietet. Im großen Showdown gibt es bloß einen
vorgelesenen Text zu hören, doch Hoopers erstklassig gefilmtes Kammerspiel endet
damit in
einer Bescherung, die rundum erfüllt. Ein komplexer Gute-Laune-Film, der
sich stilvoll, ohne je kitschig oder bieder zu sein,
in die Herzen eines jeden Filmfans spielen sollte.
Meins hat er.
DOCH!
Planet der Affen: Prevolution, von
Rupert
Wyatt
Dass PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION interessant sein
würde, war spätestens abzusehen, als das Effektteam
Weta (King Kong, Gollum) King Kong / Gollum
Darsteller Andy Serkis als Hauptaffen im neuen Film
besetzte. Zweifel blieben dennoch: der letzte PDA
mit Mark Wahlberg war größtenteils misslungen, doch
trotzdem blieb ich skeptisch, ob die CGI-Affen die
großartigen Masken des Burtons wirklich erreichen können
- denn die waren klasse. Ihr Kong war zuvor beeindruckend umgesetzt, aber der war 10m
groß und damit reine Phantasiefigur - diese Affen
sollten echt und authentisch wirken. Ist man hart,
erkennt man die Unterschiede natürlich nach wie vor,
doch Serkis, Weta und die anderen Affendarsteller
hauchen diesen Geschöpfen mit großer Sorgfalt so
leidenschaftlich Leben
ein, dass ich schon nach wenigen Minuten gebannt
war. Ja, das Finale ist in Übersicht weit weniger
spektakulär als selbst die kleinste Actionszene aus TRANSFORMERS 3, aber soviel fesselnder, da man sich
hier um die Figuren schert. Doch nicht nur Held
Caesar ist gelungen - Regisseur Wyatt beweist sich
als tolles Talent und schöpft viele hervorragende
Momente aus dem Film, darunter echte
Gänsehautszenen. Der beste Big Release des
Jahres.
FEDERN LASSEN
Black Swan, von Darren Aronofsky
Ein Film über eine Ballerina, die... in einem
speziellen Stück tanzen will. Nicht unbedingt einladendste
Thematik für einen Film, doch wer stand hier hinter der
Kamera? Mister Darren Aronofsky, Regisseur von
Filmen wie Con Air
und Lara Croft: Tomb Rai THE WRESTLER. REQUIEM FOR A
DREAM. THE FOUNTAIN. PI. Großen Titeln. Und jetzt
gleichwertig dazu gehörig: BLACK SWAN, ein Drama,
das in seiner effektvollen Beklemmung nahezu Horrortiefen erreicht und sowohl von Aronofsky meisterhaft inszeniert, wie emotional
selbstaufopfernd, hingebungsvoll von Natalie Portman
gespielt wird. Theatralische Tragik ohne Kitsch,
fantastisch umgesetzt.
DENZEL
WASHINGTON 2 VS. ALIENS. IN DA HOOD.
Attack the Block, von Joe Cornish
Jedes Jahr gibt es eine handvoll Indie-Titel, die
von verschiedenen Magazinen als der nächste
Geheimtipp gehandelt werden. Als der neue SHAUN OF
THE DEAD. Der neue DER BLUTIGE PFAD GOTTES. Der neue
BRÜGGE SEHEN UND STERBEN. Dieses Jahr waren das
unter anderem SUPER, der leider nicht super, sondern
nur okay war, und die zu
zurückhaltende Selbstmordattentäterkomödie FOUR
LIONS. Seinen Hype nicht nur halten, sondern gar
übertreffen konnte ATTACK THE BLOCK. Eine
unverschämt sensationelle Mischung aus nahezu allem:
Sci-Fi, Action, Komödie, Drama, Horror. Der Film
überzeugt in jedem einzelnen seiner Aspekte und ist trotz
üblicher 0815 Alien-Invasion-Handlung herrlich
unvorhersehbar geworden. Hauptdarsteller David Bogeya sieht
einem jungen Denzel Washington übrigens nicht nur zum
Verwechseln ähnlich, er hinterlässt fraglos ähnlich
markanten Eindruck. Großartiges Debüt von ihm und
Regisseur Joe Cornish, und ein Paradebeispiel für
einfallsreiches, kleines, großes Kino, ein neuer
Kultfilm.
>> Die Jahresliste des anderen
Chefredakteurs von BG, Christian Westhus:
jetzt lesen
Beste "Kopfüber
in den Holzhäcksler" Szene:
Das war eine
wirklich schwere Sache. So viele Anwärter. Ich habe
mich notgedrungen dann aber doch noch entscheiden können und verleihe den Steve Buscemi Fargo Award für die beste "Kopfüber in den Holzhäcksler" Szene
2011

an TUCKER & DALE VS EVIL.

Toll:
Jessica Chastain in
TREE OF LIFE, THE HELP, EINE OFFENE RECHNUNG
Toll:
TREE OF LIFE
Badass des Jahres:
Christoph Waltz
für
WASSER FÜR DIE ELEFANTEN, THE GREEN HORNET und DER
GOTT DES GEMETZELS
Herrlich schräg:
RANGO, DOGTOOTH
Hätte schräger sein dürfen:
SUCKER PUNCH
Problembehaftet, aber sehenswert:
THE TREE OF LIFE
Tipps:
WILLKOMMEN IN
CEDAR RAPIDS, LET ME IN, IN TIME - DEINE ZEIT LÄUFT
AB, MORNING GLORY, HOWL - DAS GEHEUL, LOVE AND OTHER
DRUGS, THE NEXT THREE DAYS, BROTHERS, I SAW THE
DEVIL, DREAM HOME, IP-MAN 2, WOMB, THE MECHANIC,
OHNE LIMIT, WER IST HANNA, WASSER FÜR DIE ELEFANTEN,
THE TREE OF LIFE, HOBO WITH A SHOTGUN, DER MANDANT, THE WAY BACK, SOURCE CODE, BARNEY'S
VERSION, CRAZY STUPID LOVE, EINE OFFENE RECHNUNG,
MELANCHOLIA, THE THING, 13 ASSASSINS
BESTE NIC CAGE FRISUR 2011:
DER LETZTE
TEMPELRITTER knapp vor DRIVE ANGRY
Zitat des Jahres:
"Oooooh." - DER
GESTIEFELTE KATER
>
Deine Meinung?
|