Vor 30 Jahren: Akira Kurosawas Ran (Föhl)

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Vor 30 Jahren erschienen: Ran

Ein Bericht von Manuel Föhl

Ein Vater sieht die Zeit gekommen, sein Amt nach zahlreichen Jahren der Herrschaft und Schlachten weiterzugeben. Seine drei Burgen will er unter seinen drei Söhnen verteilen, die gemeinsam dafür sorgen sollen, dass die Familie an der Herrschaft bleibt und ihre Macht nicht zerbricht. Doch aus geplanter Ordnung wird Chaos, wenn Gier, Macht und Rache die Oberhand gewinnen.

Trailer

Filmdaten Ran
Originaltitel: Ran
Japan/Frankreich, 1985
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Akira Kurosawa, Hideo Oguni, Masato Die
Starttermin Deutschland: 10.04.1986
Starttermin Japan: 01.06.1985
Starttermin USA: 20.12.1985 (limitiert)
Besucherzahlen Deutschland: 223.862
Einspielergebnis USA: $4.107.570
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Akira Kurosawa – Der Wecker Japans

Anm. des Redakteurs: Das Leben von Akira Kurosawa ist ergiebig und interessant, doch kann der Artikel in seiner Fülle nicht die komplette Biografie des japanischen Regisseurs ansprechen. So sei verziehen, dass dieser kurze Abriss nur den Weg von seinem ersten großen Erfolg, RASHOMON, bis RAN skizzieren wird. Auch die generelle kinematografische Geschichte von Japan soll nur gestreift werden.

Akira Kurosawa. Ein Name, der für Film steht. Geht es um Bestenlisten, tauchen mitunter mehrerer seiner Filme auf. Viele Regisseure imitierten ihn bzw. haben es versucht. Dass Kurosawa aber immer wieder um Prestige, und vor allem Geld für seine Filme kämpfen musste, geht dabei oft unter. Sein Durchbruch, wenn man davon nach bereits 11 realisierten Filmprojekten sprechen kann, war RASHOMON (Rashomon – Das Lustwäldchen, Japan 1950). Kurosawa zeigte damit, wozu Film auch im Stande ist. Eine Geschichte aus mehreren Perspektiven zu zeigen, ohne die wirkliche Wahrheit preiszugeben. Visuell beeindruckte er das internationale Publikum mit einer beweglichen Kamera, die sich leichtfüßig durch den Wald bewegte und mühelos den Figuren folgen konnte. Das japanische Produktionsstudio Daiei gab Kurosawa nach einigen Bedenken und Vorbehalten das nötige Geld für den Film. Der Film feierte im August 1950 seine Premiere in Tokyo und erntete gemischte Kritiken. Ein passables Einspielergebnis sorgte dafür, dass er nach drei Wochen Spielzeit aus dem Programm genommen wurde. Viel wichtiger war aber, dass bei einer der Vorstellungen Guilliana Stramigioli (Italiafilm) anwesend war und den Film als Wettbewerbsbeitrag für die Filmfestspiele von Venedig vorschlug. Er wurde schließlich 1951 dort gezeigt und gewann prompt den Goldenen Löwen.

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Der internationale Durchbruch für Kurosawa war auch ein einschneidendes Ereignis für die japanische Kinematographie generell. Es war der Beginn der (feuilletonistischen) Rezeption des japanischen Kinos in Westeuropa und Nordamerika, was rückblickend auch oft als „Entdeckung des nicht-westlichen Kinos“ bezeichnet wird. Das bedeutete nicht, dass das japanische Kino zuvor keine relevanten Filme produziert hatte, sie liefen schlichtweg unter dem Radar des Westens. Nach 1945 standen Japan und seine Filmindustrie vor ähnlichen Problemen wie Deutschland. Aus diversen Gründen lief die Filmproduktion zunächst schleppend wieder an und viele der filmischen Entwürfe der ersten Nachkriegsjahre wirkten unausgegoren. Dies hing vor allem damit zusammen, dass bei den Filmen die mitschwingende Unsicherheit zu spüren war, was thematisiert und wie inszeniert werden sollte. So umkreisten die Filme vielfach zeitgenössische Sujets und Thematiken ohne meist thematisch und stilistisch vollends zu überzeugen. Oftmals erscheinen die Filme porös, d.h. ohne rechtes Zentrum und ohne eindeutigen Standpunkt. Doch anders als in Deutschland werden in Japan weder das Land in Besatzungszonen aufgeteilt noch die bestehenden Strukturen der Filmindustrie zerschlagen und die Haltung der Figuren in den Filmen als Kriegsopfer wird geduldet.

Doch nun kam RASHOMON. Nach dem Erfolg in Venedig wählte Hollywood das Werk zum besten ausländischen Film des Jahres. Japan spielte im Laufe des Jahrzehntes eine immer größere und populärere Rolle auf den Filmfestspielen in Venedig oder auch Cannes. Vor allem die Historienfilme, sogenannte Jidai-gekis, wurden für den internationalen Vertrieb ausgewählt. Kurosawa wurde beispielsweise in Venedig erneut mit einem silbernen Bären ausgezeichnet, für SHICHININ NO SAMURAI (Die sieben Samurai, J 1954). Kurosawas Karriere sollte aber fortan nicht nur von Erfolgen geprägt sein. Auch wenn ihm vor allem RASHOMON auch in seinem eigenen Land zu Prestige verhalf. So galt er zuvor eher als schwierig und nicht unbedingt kompromissbereit, auch wenn ein paar seiner Filme durchaus Anklang beim Publikum gefunden hatten. Gleichzeitig rasselte er aber auch immer wieder mit der Zensurbehörde zusammen. So kam sein allererster Film, SUGATA SANSHIRO (Judo Saga – Die Legende vom großen Judo, J 1943) erst 1952 in einer ungeschnittenen Fassung in die Kinos, andere (DIE MÄNNER, DIE AUF DES TIGERS SCHWANZ TRATEN) überhaupt zum ersten Mal.

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Unerwähnt soll auch nicht Kurosawas IKIRU (Einmal wirklich Leben, J 1952) bleiben, der zwischen RASHOMON und DIE SIEBEN SAMURAI 1952 entstanden war und noch heute zu den bedeutendsten japanischen Filmen gezählt wird. Ein Beamter erfährt, dass er bald an Krebs sterben wird und zieht eine Bilanz seines Lebens. Fünf Jahre, bevor der Schwede Ingmar Bergman mit SMUULTRONSTÄLLET (Wilde Erdbeeren, SWE 1957) eine ähnliche Thematik anging, verzückte Kurosawa bereits die westliche Kritik mit seinem Film. Filme wie DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD (1957), DIE VERBORGENE FESTUNG (1958) und YOJIMBO – DER LEIBWÄCHTER (1961) festigten seine Position in der weltweiten Kinolandschaft. Erst in weiteren Verlauf der 60er Jahre verlor er nach und nach etwas das Interesse seines Publikums in Japan und auf dem restlichen Globus. Versuche, in Amerika Fuß zu fassen, scheiterten, und so gründete er 1970 in Japan mit Partnern eine eigene Produktionsgesellschaft. Ein weiterer Misserfolg brachte ihn ein Jahr später sogar zu einem Selbstmordversuch. Sein nächster Film, DERSU UZULA (Uzula, der Kirgise, UdSSR/J 1975), entstand in der Folge in der Sowjetunion. Er brachte ihm prompt den Oscar für den besten ausländischen Film ein und wurde auf dem Moskauer Filmfestival mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die japanische Filmindustrie hatte aber weiterhin kein Interesse mehr, Filme von Kurosawa zu produzieren. So legte Kurosawa erstmal eine Pause ein und befasste sich mit dem Schreiben eines neuen Drehbuchs: RAN.

RAN – eine japanische Fabel made in France inspiriert von Shakespeare

Heute gilt RAN als eine weitere von Kurosawas freien Shakespeare-Adaptionen, tatsächlich aber soll ihm der Bezug zur Geschichte vom englischen Barden erst im Laufe des Drehbuchprozesses gekommen sein. Eigentlicher Anstoß war 1975 seine Lektüre der Legende über den Kriegsherren Mori Motonari. Dieser hatte drei Söhne, die ihm ergeben, loyal und fähig waren. Für Kurosawa bestand der Reiz in dem Gedankenspiel, was geschehen würde, wenn diese Söhne nicht so gute Menschen gewesen wären. Es blieb erstmal nur bei einem Drehbuchentwurf und zahlreichen Storyboardskizzen. Er suchte derweil nach Geldgebern für ein anderes Projekt – welches er im Nachhinein als „Kostümprobe“ für RAN bezeichnet haben soll: KAGEMUSHA (Kagemusha – Der Schattenkrieger, J/USA 1980). Fündig wurde er zwecks der Finanzierung in Amerika. Er war gut mit Francis Ford Coppola befreundet, der ihm George Lucas und Steven Spielberg vorstellte. Die Fürsprache der beiden und des Studios 20th Century Fox überzeugten das japanische Studio Toho schließlich doch, den Film zu produzieren.

Es handelte sich dabei um eine Parabel über einen Herrscher, der nach seinem Tod durch einen Doppelgänger – einen ehemaligen Dieb – ersetzt wird. Die goldene Palme in Cannes folgte für diesen Film und erleichterte seine Geldsuche für RAN. Eine Zeit danach traf Kurosawa den französischen Filmproduzenten Daniel Toscan du Plantier, und beklagte ihm gegenüber, dass man ihm in Japan keine Filme mehr anvertraue, weil man Angst vor ihm habe, da man bei ihm nie wisse, wie lange die Fertigstellung des Films dauern würde. Toscan bot ihm direkt an mit ihm einen Film zu machen. Er stellte daraufhin den Kontakt zum französischen Produzenten Serge Silberman her. Dieser war selbst kein gebürtiger Franzose, sondern kam aus Polen und beschränkte sich bei seinen Filmen auch nicht auf sein Land. Er produzierte beispielsweise auch Filme des spanischen Surrealisten Luis Buñuel. Silberman hatte als Voraussetzung an eine Zusammenarbeit nur die Bedingung an Kurosawa gestellt, dass sein Produktionsleiter Ulli Pickardt das Budget für das Projekt erstellt. Die Japaner hatten dieses vorab mit 6 Millionen Dollar veranschlagt. Pickardt klärte sie auf, wo sie sich beim Berechnen geirrt hatten und präsentierte nach vier Monaten einen Drehplan und ein dafür nötiges Budget von 13 Millionen Dollar. Silberman gab sein OK für die französisch-japanische Koproduktion 1984.

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Kurosawa – Der ‚Meister‘ bei der Arbeit

Die Drehortsuche für RAN erwies sich als schwierig, da Kurosawa zu Beginn noch sehr eigene Sonderwünsche hatte, wie beispielsweise eine Szene, bei welcher er eine Einstellung auf der Insel Hokkaido drehen wollte und den Gegenschuss dazu in einem 100km entfernten Ort haben wollte. Produktionsleiter Pickardt konnte ihn aber davon überzeugen, einen Ort für alles zu finden, da sie sonst nie denselben Himmel gehabt hätten und vor eheblichen Logistik- und Transportproblemen gestanden wären. Kurosawa wollte die Drehortsuche zwischendrin abbrechen, da ihn die ständigen Fragen von Pickardt störten, welcher nur darauf bedacht war, dass das Projekt innerhalb des gewählten Drehplans mit dem berechneten Budget realisierbar blieb. Silberman ließ Kurosawa daraufhin ziemlich deutlich wissen, dass wenn er diese Fragen nicht erlaube, es einfach keinen Film geben werde. Nach einem Gespräch mit Kurosawas Vertrauten, der Assistentin und gleichzeitigen Scriptgirl Teruyo Nogami willigte er ein und akzeptierte Pickardts Fragen daraufhin ohne Murren.

Weil er immer schlechter sehen konnte und schon zuvor Augenprobleme gehabt hatte, hatte der gelernte Maler angefange,n seine gewünschten Einstellungen für den Film zu zeichnen. Fotos vom Dreh zeigen ihn hinter der Kamera am Okular, doch waren es vor allem die Zeichnungen, die den Kameraleuten und dem restlichen Team halfen, seine Vision auf die Leinwand zu bringen. Kurosawa kümmerte sich weiterhin um jedes Detail, zeichnete jedes Requisit und jedes Kostüm. Die 1400 Kostüme für den Film wurden dann nach altem Brauch in Kyoto hergestellt, was am Ende zusammen fast zwei Jahre dauerte. Der Aufwand hatte sich gelohnt, denn die Kostüme werden oft vor trockenen, harten und farblosen Hintergründen getragen und unterstreichen damit noch mehr die detaillierte und kräftige Arbeit an den Stoffen.

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Der Dreh selbst zeigte das Leitbild wie Film als Gemeinschaftsproduktion funktionieren kann. Jeder half mit, wo er konnte, egal welche Position er innehatte. Kurosawa wurde liebevoll ‚sensei‘ (Meister) genannt und alle dienten ihm und seiner Vision voller Respekt und Hingabe. Kurosawa ließ oft sehr lange proben und drehte im Anschluss nur einen Take. Keinen Zweiten. Seine Sicherheit ergab sich aus der vorausgegangenen Arbeit und seiner jahrelangen Erfahrung. Zudem drehte Kurosawa seit DIE SIEBEN SAMURAI alle wichtigen Szenen immer mit drei Kameras gleichzeitig und jede Szene komplett durch. Der Drehprozess ging bei Ihm dabei zuerst immer von den Schauspielern aus. Erst wurde festgelegt und geprobt, wie sie sich bewegen und dann die Kameras dazu eingerichtet. Die Drei-Kamera-Variante sollte auch dazu dienen, dass die Schauspieler sich nicht auf eine Kameralinse fokussierten. Vor, wie hinter der Kamera setzte Kurosawa auf ein größtenteils eingespieltes Team. Tatsuya Nakadai, der die Rolle des alternden Vaters Hidetora Ichimonji mimte, hatte bereits vor 20 Jahren zum ersten Mal mit Kurosawa gearbeitet und schon in KAGEMUSHA – DER SCHATTEN DES KRIEGERS die Hauptrolle übernommen. Solche Kontinuitäten durchlaufen den ganzen Film.

Kurosawa nutzte das ihm zur Verfügung gestellte Geld nicht nur für aufwendige Kostüme, sondern auch aufwendige Bauten, die er schließlich ohne Zuhilfenahme von speziellen, künstlichen Effekten vor der Kamera und im Film bildgewaltig abbrennen ließ. Für 1,6 Millionen Dollar ließ er eine Burg bauen und am Ende abbrennen. Aufgrund dieses Vorgehens hatte die Crew nur eine Chance, die Aufnahme zu meistern. Keine Ausweichmöglichkeit auf ein Modell oder ähnlichem war vorgesehen. Die beiden anderen im Film zu sehenden Burgen gab es wirklich: Die alte Burgen Kumamoto und Himeji-jō standen dafür Pate. Die Szenen in den Ruinen der Burg von Sués Familie wurden in den Ruinen von Burg Azusa gedreht. Die schier endlose Gigantonomie nahm auch bei den Tieren für den Film kein Ende. 200 Pferde kamen während des Drehs zum Einsatz und mussten aus Amerika importiert werden, da die amerikanischen Pferde den Wünschen Kurosawas mehr entsprachen als die japanischen Pferde. Zement wurde auf schwarze Erde gestreut, damit Staub aufwirbelt, wenn die Pferde darüber galoppierten. Eine aufwendige Nachtszene wurde einen ganzen Tag lang vom gesamten Team vorbereitet, wofür Kurosawa für den Hintergrund einen Mond gemalt hatte, und Gras extra Golden angesprüht wurde – es sollte das Licht der Scheinwerfer reflektieren. Diese Szene fiel allerdings der Schere zum Opfer. Im Film dagegen zu sehen ist eine Szene, in der ein Taifun tobt, während Tango und Kyoami den verwirrten Hidetora beim Blumen pflücken finden. Ein weiteres Mal kein Filmtrick, sondern während eines tatsächlichen Taifuns aufgenommen.

Weniger erfreulich war der Tod von Kurosawas Frau mit 39 Jahren während den Dreharbeiten. Nach nur einem Tag der Trauer kehrte Kurosawa aber an das Set zurück und arbeitete weiter. In der Dokumentation “A.K.” begleitete der französische Regisseur Chris Marker die gesamten Dreharbeiten zu “Ran” vor Ort und gibt interessante Einblicke.

RAN – Chaos

Der übersetzte Titel des Films ist Programm. Doch was für ein Chaos bricht hier herein? In die Diegese, die Welt des Films? Im Grunde kann man sagen, dass es ein Chaos in den Figuren und ihren Handlungen mit all den Konsequenzen ist. Kurosawa stellt wie schon in KAGEMUSHA das Schicksal der Menschen in den Vordergrund. Ein bitteres. Es gibt dort keine Helden mehr. Bereits KAGEMUSHA konnte als eine Parabel vom Untergang gelesen werden. In der Folge galt der Film als hoffnungslos und zutiefst pessimistisch. RAN führt diese Weltsicht weiter, in dem er nicht nur filmästhetisch die Sprache von KAGEMUSHA aufnimmt, sondern zeigt, dass sich Untergang, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus noch steigern lassen. Ist der Bezug bei KAGEMUSHA noch historisch verankert, so weicht er in RAN einem eher mythischen Verhängnis, dass das Ende einer Zeit zu einem Bild der Endzeit überhöht.

So ist der ganze Film semantisch mit vielen Symbolen zu lesen. Das fängt bei den Namen der Söhne an, die als erster, zweiter und dritter Sohn übersetzt werden können und geht über die Farbgebung der Kostüme und Kriegsparteien. Auch der Himmel wird von Kurosawa mit einem semantischen Überbau gefüttert. Präsentiert er sich anfangs noch blau, wird er im Verlauf des Films immer wolkenbehangener gezeigt und zur Mitte des Films tobt schließlich ein Taifun. Auffallend auch die Kameraarbeit, welche fast ausnahmslos auf Nah-Einstellungen verzichtet. Eine der wenigen nahen Aufnahmen wird genutzt, wenn Lady Kaede den Kopf eines Fuchses präsentiert bekommt.

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Den Mittelpunkt des Films stellt eine große Schlacht um die Burg des dritten Sohnes dar. Kurosawa strebte nach einer möglichst authentischen Wiedergabe von historischen Realitäten, was auch für diese Szenen des Kampfes in einem Zeitalter des Krieges galt, stellte ihn aber immer vor große Herausforderungen. Wie bereits erwähnt, war die japanische Filmindustrie von diesen Plänen nicht angetan. So verwundert es nicht, dass KAGEMUSHA und RAN erst in den 1980ern, als Kurosawa auch Kapital aus dem Ausland zur Verfügung stand – wie schon bei der sowjetischen Co-Produktion in den 70er Jahren – realisiert werden konnten. Die großen Schlachten mit ihren Farbenspielen erwecken keine Aufregung, sondern bringen den Zuschauer vielmehr in Verwirrung. Da steht jede Figur in tiefster Einsamkeit dem Tod gegenüber. Statische Bildkompositionen und dynamische Bewegung sind ausgeprägte Merkmale von Akira Kurosawas Filmen. Eine strenge Komposition von Bildraum und Bildrhythmus findet sich auch in scheinbar hektischen Bildern des Kampfes. Aber Kurosawas Kunst der Massenregie galt nicht nur für Schlachtenszenen. Auch sei festzuhalten, dass er sich nicht nur auf Massen von Menschen konzentrierte, sondern genauso sehr an Bildern mit zahlreichen Pferden, Pfeilen oder Luntenflinten interessiert war. Zu typischen Symbolbildern wurden durch ihn reitende Samurai in kriegerischer Rüstung mit Fahnen. In den Filmen bilden sie die tapfere Vorhut, die wie die Kavallerie im europäischen Militär, zuerst angreift.

Kurosawa war sich hierbei völlig bewusst, dass dies den historischen Tatsachen völlig widersprach, denn in diesem Zeitalter wurden Pferde ausschließlich zum Transport genutzt, nicht aber zum Kampf. So ikonisch das Bild des reitenden Samurai mittlerweile ist, versteckt sich dahinter nur ein Gedanke des Malers Kurosawa. Der Maler, der hier scheinbar seinen Umgang mit Farbe im Film perfektionierte, nachdem DODES’KA-DEN (DODESKADEN; J 1970), sein erster Farbfilm, 1970 fehlschlug. Sein Film erweckt in diesem Sinne stellenweise einen eher statisch-malerischen Eindruck. Dies zeigt sich vor allem schön in den ersten Minuten des Films, wenn die Aufnahmen unter hellem Sonnenlicht zu grell kontrastierenden Farbenspiel werden. Die Reiter statisch in der Landschaft stehen, wie Figuren in einem Gemälde oder auch später wenn der Vater mit seinen Söhnen in der Landschaft platziert werden. Die eigentlich in sich dynamischen Momente sind geprägt von stilisierten Bewegungen, die fast zum Stillstand kommen und erstarren können. So überrascht es wenig, dass Kurosawa (filmische) Mittel findet um selbst in das heftige Schlachtengetümmel ein statisches Element einzuführen: den Ton. Während des Blutbades werden jegliche diegetischen Töne stumm geschaltet. Man hört nur die tragische Filmmusik des Komponisten Toru Takemitsu. Eine irreale Lautlosigkeit.

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Eine wirkliche Identifikationsfigur bietet der Film hiernach auch dem Zuschauer nicht. Bei Kurosawa spielen weibliche Figuren generell kaum eine zentrale Rolle, auch die Erotik steht meist im Hintergrund. Die filmische Marginalisierung weiblicher Charaktere geht einher mit der Zuweisung negativer Funktionen. Hinter Kaede steht eine Figur voller Hass, Intrige und Verführung, was sie hinter einem ausdruckslosen, weiß geschminkten Gesicht, ähnlich einer traditionellen No-Maske, versteckt. Gleichzeitig passt sie zu den Männerfiguren. Die Männer in RAN sind eher Eroberer. Sie werden aber von Frauen eher verführt, als dass sie sie erobern wollen. Sie erobern Ländereien oder Territorien.

Sieht man Kaede als die zum „Bösen“ gewandelte die Figur, die sich rächt, so stellt Hidetora, der Reue zeigt, ob seiner vergangenen Grausamkeiten, das scheinbar „Gute“ dar. Auch wenn es hier schwer fällt, da beide Seiten jeweils mit einer negativ konnotierten Vergangenheit bzw. Gegenwart konfrontiert werden. Ähnlich der ausdruckslosen „Maske“ von Kaede, erstarren die Züge Hidetoras im Laufe des Films so zu einer. Die beiden sind die wahren Gegenspieler, und beide sind sie Opfer des anderen; wandelnde Allegorien, in denen sich Abstraktion und Passion ein seltsames Stelldichein geben: die erniedrigte, gedemütigte Macht und die Macht der Gedemütigten. RAN rollt nicht nur das Drama von Glanz und Sturz der Sieger auf, sondern auch das der heimtückischen Revanche und des Triumphes der Besiegten: ein Duell, das beide in den Abgrund reißt. Denn für Hidetora ist es ein Abstieg in die Hölle seiner Vergangenheit. Angesichts dieser Figurenkonstellationen ist es somit nicht weiter verwunderlich, dass die Erzählperspektive mehr eine göttliche zu sein scheint. Der Film eine Bühne der Menschheit, die sich von den Göttern verlassen, auf sich selbst gestellt, zerstört. Hierzu passt auch die letzte Szene des Films als Allegorie auf diese Interpretation. Der blinde Tsurumaru vor einem Abgrund, das Bildnis des Buddhas aus den Händen gefallen. Die Burg zerstört, er alleine, drohend herunterzufallen. Ende.

RAN hat auch nach 30 Jahren nichts von seiner visuellen Kraft und narrativen Stärke verloren. Kurosawas pessimistisches Weltbild findet auch heute noch sein Äquivalent in der realen Welt. Diesen Monat erscheint der Film nicht nur erneut mit einer neuen 4-K-Abtastung auf Blu-ray, sondern wird auch in ausgewählten Kinos weltweit nochmal vorgeführt. Es sei wärmstens empfohlen, sich das nicht entgehen zu lassen!

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