BG Kritik:

Chaos im Netz



Ralph Breaks the Internet (US 2019)
Regisseur: Rich Moore, Phil Johnston
Cast: John C. Reilly / Pierre Peters-Arnolds, Sarah Silverman / Anna Fischer

Story: Seit ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer sind „Fix-it Felix Jr.“-Fiesling Ralph und „Sugar Rush“-Rennfahrerin Vanellope beste Freunde und meistern gemeinsam den Videospiel-Alltag. Als ein abgebrochenes Lenkrad dazu führt, dass Vanellopes Spielhallen-Automat abgeschaltet werden soll, geht das ungleiche Videospiel-Gespann online. Das Ziel: Ein passendes Ersatzteil bei eBay besorgen. Doch in den Weiten des Internets lauern Ablenkungen, die selbst für die dickste Pixel-Freundschaft zur Belastungsprobe werden können.

Eine BG Filmkritik von Daniel Schinzig!

Der Film sollte hier erst Webcrasher: Chaos im Netz heissen


„Ralph reicht’s“ war 2012 eine ralphinierte Variation des „Toy Story“-Stoffes. Ging es 1995 im ersten abendfüllenden Pixar-Abenteuer noch um die Frage, was das analoge Spielzeug treibt, wenn wir das Kinderzimmer verlassen, standen auf einmal unsere liebsten digitalen Pixelspielgefährten im Mittelpunkt: Was geht in den Spielautomaten vor, wenn in der Spielothek das Licht ausgeht? Die Antwort lag auf der Gamer-Hand: Das ganz normale Leben. Bier nach Feierabend, Treffen unter Nachbarn, Selbsthilfegruppe für ungeliebte Bösewichte, die Tag ein Tag aus Niederlagen erdulden müssen. Damals war es Ralph, dem es – der deutsche Titel brachte es auf den Punkt – reichte und der spektakulär aus den gewohnten programmierten Bahnen ausbrach. Diesmal ist es Freundin Vanellope, die direkt zu Beginn der „Ralph reicht’s“-Fortsetzung „Chaos im Netz“ anmerkt, dass ihr der ewig gleiche alltägliche Funracer-Trott allmählich zum Halse heraushängt. Eine Äußerung, die letztlich – der unglücklich gewählte deutsche Titel bringt es erneut auf den Punkt – für Chaos im Netz sorgt.

Denn nur wegen des Gesagten hämmert Ralph mit seinen charmanten Riesen-Armen eine neue Rennstrecke in Vanellopes Spiel „Sugar Rush“, nur deshalb reißt die untypische Rennfahrer-Prinzessin mit der Eigenschaft zu glitchen kurz die Kontrolle an sich, nur deswegen dreht in der realen Welt die Spielerin etwas zu fest am Lenkrad und nur aufgrund dessen wird die Handlung in Gang gesetzt. Doch ansonsten wird die wirkliche Bedeutung von Vanellopes Wunsch nach Veränderung erst einmal außer Acht gelassen. Stattdessen hetzen uns die Regisseure Rich Moore und Phil Johnston durch die Exposition und machen es all jenen Zuschauern, die den Vorgänger nicht kennen, schwer, ein Gefühl für die Charaktere und die Regeln der Welt zu bekommen.

Offenbar konnten es die beiden Filmemacher nicht erwarten, bis sie ihrem Publikum den kreativen Kern ihres Sequels präsentieren: Die Darstellung des World Wide Web. Wenngleich eine sorgfältigere Einleitung wünschenswert gewesen wäre, kann man die Ungeduld der beiden Steuermänner hinter Ralphs zweitem Abenteuer verstehen. Denn die Online-Welt, in der sich die Polygon-Protagonisten bewegen, ist in ihrem Ideenreichtum einzigartig. Das konsequent durchgezogene Grundprinzip lautet: Welche realen Entsprechungen gibt es für die unterschiedlichsten Internetseiten? Da sind bei eBay Auktionatoren mit ihren Hämmern zu Gange, Spam wird von aufdringlich-freundlichen Vertretern verteilt, bei YouTube sitzt eine Managerin, die nach den neusten Trends sucht; das Internet wird zur an die Realität angelehnten Großstadt. Zu fast allen erdenklichen Online-Angeboten fällt Moore und Johnston etwas ein, das nicht nur wahnsinnig amüsant anzuschauen ist, sondern in den besten Momenten auch entlarvt, welche altbekannten Modelle hinter den oft ansprechend modern gestalteten Internet-Auftritten lauern und dass unsere Gesellschaft online gar nicht so anders funktioniert, wie sie es offline tut.

Ob man sich über den Titel des ersten schämte (Ralph reichts)?


Aber wie das so ist mit fantastischen Ideen: Manchmal verliebt man sich zu sehr in ihnen. „Chaos im Netz“ leidet etwas darunter, sich zu lange lediglich auf dieser Grundidee auszuruhen. Eine ganze Zeit lang wird die wahnwitzige Entdeckungstour durch mal bunte, mal weniger bunte Online-Areale lediglich durch das Narrativ „Wir müssen Geld beschaffen, um das Lenkrad bei eBay erwerben zu können“ verbunden. Das tut dem Spaß am hyperkreativen Treiben keinen Abbruch, doch mehr als einmal droht – ganz untypisch für Disney-Animationsfilme – der emotionale Unterbau einzustürzen. Vanellope und Ralph stapfen durch eine Nummern-Revue aus Einsen und Nullen, die ihre absurden Höhepunkte mit einem Ausflug auf die Disney-Website und einer mehr als kuriosen YouTube-Karriere findet. Das mag nicht nur mitunter saukomisch, sondern auch hintersinnig sein. Doch irgendwas fehlt.

Was dieses Irgendwas genau ist, wird deutlich, wenn es im letzten Drittel schließlich doch noch geboten wird. Die eigentliche Ersatzteil-Quest hat bereits ein Ende gefunden, die bisher gebotene notdürftige Story hat sich erschöpft, da gewinnt Vanellopes Satz vom Beginn, der Wunsch nach Veränderung, wieder an Bedeutung. Und plötzlich schalten sich Qualitäten ein, wie wir sie aus den besten Genre-Kollegen kennen. Die Handlung ist kein bloßes Transportmittel mehr, sondern wird von den Wünschen und Gefühlen der Charaktere in Gang gesetzt und getragen, das zuvor erlebte Abenteuer löste etwas in den Helden aus. Es geht auf einmal um die Auswirkung individueller Wünsche auf Freundschaften und um die wortwörtlich monströs zerstörerischen Folgen der eigenen Unsicherheit. Und auf einmal lachen wir nicht nur oder amüsieren uns über den Einfallsreichtum der Filmmacher, sondern sind mit ganzem Herzen dabei. Unsere Emotionen werden ein wenig zu spät aktiviert, die Charaktere gewinnen ein wenig zu spät an Wichtigkeit, als dass „Chaos im Netz“ ein wirkliches Animations-Meisterwerk ist. Aber Ralphs und Vanellopes Reise ins Internet ist noch immer ein verdammt gutes Abenteuer mit meisterhaften Momenten, großartiger Optik und einem teils raffinierten Score.

Fazit:

„Chaos im Netz“ bietet nicht nur einen irrwitzig kreativen Ausflug in eine konsequent verbildlichte Internetwelt, sondern auch leichtes Chaos in der Dramaturgie: Geht zu Beginn alles etwas zu schnell, ruht sich dann alles etwas zu lange auf der Grundidee aus, ehe die „Ralph reicht’s“-Fortsetzung im letzten Drittel ihre volle Magie entfaltet. So reicht es ganz knapp nicht zum nächsten Animations-Überhit, aber noch immer zu einem wundervollen Pixel-Spaß.

7,5 / 10


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